Akupunktur im Wandel

Die Methode, mit Nadeln in die Haut eines Patienten zu stechen, um therapeutische Wirkungen zu erzielen, ist erstmals im Jahre 90 v. Chr. in der Doppelbiographie des Wanderarztes Bian Que und des Kornspeicherverwalters Chunyu Yi im Shi Ji erwähnt. Dort ist zu lesen, dass Chunyu Yi von seinem Lehre aufgefordert wurde, nicht länger nur mit Hilfe arzneilicher Rezepte zu heilen, sondern mittels Gefäßtherapie. Chunyu Yi fühlte den Puls und leitete daraus den Status des sogenannten Qi in bestimmten Organen ab. Ob es sich bei den Gefäßtherapien, die Chunyu Yi und andere Ärzte anwandten schon um Akupunktur mit der Nadel oder noch um Aderlaß mit dem Spitzstein handelte, ist nicht eindeutig zu erkennen. Erwähnt wird sowohl die Nadel als auch der Spitzstein. Unklar ist , inwieweit eine Beschreibung eines Arztes, der ungefähr von 580-680 n. Chr. lebte, zutrifft, der von einem Arzt aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., der die sogenannte 13-Punkte-Nadelung erfunden haben soll., die bei dämonenbedingten Erkrankungen anzuwenden sei.

Im Mittelpunkt der chinesischen Vorstellungen von gesunden und krankhaften Vorgängen im Organismus stand ein komplexes System an Leitbahnen, das analog zu den Wasser- und Landstraßen des Reiches die verschiedenen Organe, die in fünf „Speicher“ und sechs „Verwaltungseinheiten/Paläste“ eingeteilt waren, miteinander verbindet. Das System dieser Leitbahnen ergänzte eine ältere Vorstellung von Blutbahnen, das lange Zeit im Zentrum von Diagnose und Therapie gestanden hatte. Ob die Ader voll oder leer, die Haut darüber rau oder glatt war, besaß eine bestimmte Aussagekraft. Fülle wurde durch Aderlaß, Leere durch Hitzezufuhr nach rein physikalischen Gesetzen therapiert. Wahrscheinlich im späten zweiten Jahrhundert v. Chr. fand jedoch ein Umbruch statt, dessen Einzelheiten jedoch nicht genau bekannt sind.
Zusätzlich zu dem Blut erkannte man die lebenswichtige Bedeutung eines dampfförmigen Agens, des sogenannten Qi. Dieses floß vor allem in den tief im Körper und in den Gliedmaßen verlaufenden Leitbahnen, und nicht der spitze Aderlassstein, sondern die feine Nadel diente seiner Auffüllung und Ableitung. Der Fluß des Qi im Körper verläuft, so heißt es im Leitfaden des gelben Ahnenherrschers, „wie ein Ring, ohne Anfang und Ende“. Unter krankhaften Bedingungen können ganze Organbereiche vom Durchfluß ausgespart werden- mit entsprechenden Konsequenzen. Der Fluß vollzieht sich regulär in einer Richtung, unter pathologischen Bedingungen kann er seine Richtung jedoch auch ändern und der Norm entgegengesetzt fließen. Blockaden sind ebenfalls möglich, die zu krankhaften Stauungen von Qi führen können.

Ca. 400-200 v. Chr. wurden von zwei verschiedenen Schulen die philosophischen Grundlagen gelegt, die von vielen Akupunkteuren bis heute als die Grundlagen der traditionell chinesischen Medizin angesehen werden. Dabei handelt es sich zum einen um die sogenannte 5-Phasen-Leere, die der Vorstellung einer allumfassenden systematischen Entsprechung der Dinge entspringt. Eine andere Philosophenschule hatte die Naturbeobachtung des Dualistisch-Gegensätzlichen, die Lehre von Yin und Yang zur Grundlage ihrer Lehre gemacht. Diese beiden Lehren widersprechen sich im traditionell chinesischen Denken keineswegs, sondern können gut nebeneinander existieren.

Im Laufe der Jahrhunderte versuchten die Ärzte die Wirkungen der Nadeln zu verbessern, beispielsweise durch Erhitzen der Nadeln, durch Schrägeinstechung in Flussrichtung (um eine auffüllende Wirkung zu erreichen) oder gegen die Flussrichtung (um eine ableitende Wirkung zu erreichen) oder durch Nadeleinstich im Einklang mit dem Ein- und Ausatmen des Patienten. Die Diagnostik wurde in der traditionellen chinesischen Medizin und damit auch in der Akupunktur-Medizin kurz beschrieben nach acht diagnostischen Kriterien betrieben, die als Gegenüberstellungen von möglichen Krankheitsursachen betrachtet wurden. Von außen oder von innen bedingt, durch Kälte oder durch Hitze bedingt, durch Mangel oder durch Überfluß bedingt, Erkrankungen vom Yin-Typ oder vom Yang-Typ. Diese Kriterien wurden durch die vier klassischen Untersuchungsmethoden Betrachten, Hören und Riechen, Erfragen und Untersuchen erfaßt und die Therapie danach ausgerichtet. Verschiedene Techniken standen dem chinesischen Arzt zur Verfügung, um eine möglichst exakte Qi-Störungs-Diagnostik zu ermöglichen. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Zungendiagnostik und die Pulsdiagnostik. Diese Form der Diagnostik findet ihren Ursprung in konfuzianischen Morallehre, die das unnötige Berühren des Körpers verbot.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Geschichte der Akupunktur keineswegs mit der Geschichte der traditionellen Medizin gleichzusetzen ist. Akupunktur war immer nur Teil eines wesentlich komplexeren, durch die Jahrhunderte oft abgewandelten Heilkonzeptes.

Die traditionelle chinesische Medizin existiert heute nicht mehr als unabhängiges Heilsystem eigenständiger Ideen und Praktiken. Dies ist das Ergebnis der politischen Entwicklungen Chinas der letzten einhundert Jahre. Die Extreme reichen vom völligen Verbot traditioneller chinesischer Medizin, bis hin zum Wiederhervorholen, aus politischen Erwägungen heraus völlig verbogenen Versionen, der traditionellen chinesischen Medizin und damit auch der Akupunktur. Als kulturelles Erbe bleibt die traditionelle chinesische Medizin jedoch schon allein deshalb erhalten, weil chinesische Mediziner ihr Wissen über 2 Jahrtausende angesammelt und in einer äußerst vielfältigen Literatur niedergeschrieben haben. Außerdem unterstützt die heutige chinesische Regierung durchaus den Erhalt des Wissen der älteren Ärzte.
Die heutige Praxis in China ist , wie bereits in den vergangenen Jahrhunderten von größtmöglicher Vielfalt geprägt und schwappt dementsprechend auch zu uns über.

Ab dem 12. Jahrhundert kam immer wieder Wissen über die traditionelle chinesische Medizin und damit über Akupunktur in den Westen, teils durch Entdecker und Abenteurer, besser dokumentiert dann aber durch Missionare und durch europäische Ärzte, die zum Beispiel für die niederländische Ostindiengesellschaft in China tätig waren. Gerade was die Akupunktur anbelangt, waren jedoch zum Teil die groteskesten Beobachtungen gemacht worden, die dann auch gnadenlos an Patienten in den westlichen Heimatländern ausprobiert wurden. So wurde z.B. von „Durchspießen ganzer Organe“ berichtet, um einen bestimmten Therapieerfolg zu erreichen. Beim Nachahmen dieser „beobachteten Praktiken“ kam es natürlich zu den erwarteten Zwischenfällen und erfreute sich besonders bei den „gequälten Patienten“ keiner großen Beliebtheit. Unter anderem so kam es, dass die Anwendung der Akupunktur im Westen immer wieder in der Versenkung verschwand.

Warum es in den letzen Jahrzehnten zu solch einem Akupunktur-Boom in den westlichen Nationen kam, ist nicht so ganz klar, hat sicher zum großen Teil damit zu tun, dass sich dieses Teilgebiet der traditionellen chinesischen Medizin sehr gut vermarkten lässt. Dieser Boom hat jedoch dazu geführt, dass die physiologischen Grundlagen der Akupunkturwirkung genauestens untersucht wurden und die Physiologie heute weitgehend geklärt ist.

Unter physiologischen Gesichtspunkten ist die Akupunkturwirkung auf ein umschriebenes Wirkspektrum einzugrenzen, nämlich Sedierung, Schmerzlinderung und Entzündungshemmung. 1965 wurde zunächst die Theorie der spinalen Verarbeitung von Schmerzinformationen, die sogenannte Gate controle Theorie veröffentlicht. Diese Theorie wurde zwar nach neueren Untersuchungen wieder verworfen, ist aber insofern interessant, dass sie zur Anwendung des Verfahrens der transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS) führte, die bis zum heutigen Tag von vielen Akupunkteuren eingesetzt wird. Nach heutigem Wissensstand und unter Einbeziehung der bekannten Mechanismen der Schmerzentstehung und -verarbeitung, der Sedierung und der Entzündungshemmung, ist die Akupunkturwirkung folgendermaßen zu erklären:

Schmerzlinderung
Der Hauptangriffsort bei diesem Prozess liegt auf der Ebene des Rückenmarks. Will man mit Akupunktur Schmerzlinderung erreichen, so ist dies nur möglich, wenn die Nadel in die tiefe Skelettmuskulatur gesetzt wird. Damit fallen alle Punkte, die nur in der Haut gestochen werden für die Schmerzlinderung weg. Nur in der tiefen Skelettmuskulatur lassen sich Areale finden, die den schmerzlindernden Reiz provozieren. Das typische Druckgefühl, das die Patienten bei korrektem Nadelsitz empfinden, welches in der traditionellen Medizin schon mit dem Begriff „De Chi-Gefühl“ beschrieben wird, ist auf die intensive Stimulation von Mechanorezeptoren, vor allem Druck-Dehnungsrezeptoren zurückzuführen. Der intensive Druckreiz steigt nun zum Rückenmark auf. Dort gibt es einen direkte segmentale Verbindung zwischen Reizbahnen und Schmerzbahnen. Zum anderen läuft der Reiz in höher gelegene Hirnzentren und setzt dort ein körpereigenes System in Gang, das als deszendierendes Schmerzhemmsystem des Körpers bezeichnet wird. Diese deszendierende Hemmung verliert ihren segmentalen Bezug, so dass die deszendierende Hemmung von verschiedenen Stellen des Körpers provoziert werden kann, also in Akupunktursprache von Fernpunkten. Vermittelt wird die deszendierende Hemmung vor allem über körpereigene Opiate, hauptsächlich über Beta- Endorphin. Die Mechanorezeptoren sind nur an bestimmten Stellen des Körpers in besonders hoher Dichte vorhanden, so dass der schmerzlindernde Effekt nur an diesen Stellen zu erreichen ist. Das führt zur Reduzierung auf einige wenige, in der Akupunkturbehandlung wesentliche Punkte zur Schmerzbehandlung.

Entzündungshemmende und sedierende Wirkung
Beta- Endorphin, das schon bei der Schmerzhemmung eine so wichtige Rolle spielt, wird in keiner Körperzelle direkt produziert, sondern immer über eine Vorstufe, das sogenannte ProOpioMelanoCortin. Diese Vorstufe wird im wesentlichen in drei Bestandteile gespalten. Erstens in Opio, das über Zwischenschritte zum Beta-Endorphin wird und in allen drei Teilbereichen der Akupunkturwirkung eine Rolle spielt. Zweitens in Melano, das zum MSH wird und vor allem den sedierenden Effekt zu verantworten hat. Drittens in Cortin, welches der Hauptbestandteil von ACTH ist, das die Nebennierenrinde veranlasst Cortison auszuschütten, womit die entzündungshemmende Wirkung der Akupunktur erklärt wäre.

Natürlich reichen die Mengen an den einzelnen, durch Stimulation körperintern erzeugten Stoffe nicht aus, dass Akupunktur zu einer Notfallbehandlung z.B. bei einem Asthmaanfall werden kann. Cortisondosen, die zur Durchbrechung eines Asthmaanfalls nötig sind, können durch Akupunktur niemals erreicht werden. Die Gesamtwirkung der Akupunktur setzt sich, wie fast alle anderen Therapiemaßnahmen auch, aus den drei Komponenten Physiologie, Placebowirkung und Suggestion zusammen.

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